Österreichische Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin

Abschied von der Natürlichkeit?

Autorin: Sigrun Rux
Erschienen in "Österreichische Ärztezeitung", 2003

Der Kaiserschnitt liegt im Trend - im Osten Österreichs mehr als im Westen. Die Meinungen darüber, ob die Sectio in Zukunft die vaginale Geburt völlig ersetzen wird, gehen auseinander.

“Die unterschiedliche Sectiorate an den einzelnen Abteilungen für Geburtshilfe kann man nicht miteinander vergleichen”, sagt Univ. Prof. Heinrich Salzer, Vorstand der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe im Wilhelminenspital in Wien. Denn die Zahl der Frauen, die per Sectio entbinden, hänge sehr stark vom Klientel ab. So ist nach Erfahrung von Salzer bei Frauen aus anderen Kulturen mit gewissen genetischen Prädispositionen auch häufiger mit Risikoschwangerschaften zu rechnen. ”Aber die Geburt ist auch kulturellen Einflüssen unterworfen”, gibt der Experte zu bedenken. Daher ist auch die Einstellung zum Geburtsmodus oft sehr unterschiedlich. Laut Salzer liegen die Ursachen für den steigenden Trend zur Sectio unter anderem darin, dass die Geburtshelfer nicht mehr um jeden Preis an einer vaginalen Entbindung fest halten.

Dieses "Festhalten" scheint im Osten Österreichs weniger ausgeprägter zu sein als im Westen. Während sich in Wien die Sectio-Rate zwischen 15 und 35 Prozent (Privatkliniken) einpendelt, werden in Vorarlberg derzeit 17 Prozent aller Kinder per Kaiserschnitt entbunden. ”Das ist nicht immer so gewesen”, bestätigt der Vorstand der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe des Landeskrankenhauses Bregenz, Hans Concin. Noch vor einigen Jahren lag die Rate bei rund sieben Prozent. Dass die Rate auch in Vorarlberg gestiegen sei, bedeute lediglich, dass man sich mehr auf die Bedürfnisse der Schwangeren einstelle. Auch gehe man mit der Indikation Sectio heute anders um als früher. Concin: ”Das Um und Auf der modernen Geburtshilfe sind intensive Aufklärungsgespräche mit der Schwangeren”. Was eine höhere Geburtszufriedenheit bei den Frauen zur Folge habe.

Die Diskussion um die Restsicherheit steht für Salzer zwar im Mittelpunkt, wenn auch das individuelle Geburtserlebnis für die Frau von ebenso großer Bedeutung ist. Gleichzeitig warnt der Gynäkologe jedoch davor, den Kaiserschnitt a priori zu verdammen oder die vaginale Geburt als das Non plus ultra hinzustellen. ”Was für die eine Frau gut ist, bedeutet für eine andere noch lange nicht dasselbe“.

Salzer hält nichts davon, die Sectio zu verdammen. Allerdings: Wird ein Kaiserschnitt ohne medizinische Begründung gewünscht, müssen die durch die Operation bedingten Risken dargestellt werden und auch seltene Komplikationen Erwähnung finden. Hat eine Frau trotz intensiver Aufklärungsgespräche noch immer massive Ängste, stellt es für den Experten kein Problem dar, auch die “mütterliche Angst” als eine Indikation für eine Sectio zu akzeptieren. Für eine vaginale Geburt wiederum könnten optimale Voraussetzungen geschaffen werden. Dazu zählen alle Maßnahmen, die zur Entspannung der Mutter beitragen. Wichtig ist dem Experten, dass bei jeder Aufklärung die individuelle emotionale Situation der Frau berücksichtigt wird.

Medizinische Argumente für die Sectio gibt es laut Univ. Prof. Karl Philipp, Vorstand der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Wiener Donauspital SMZ-Ost, genug. “Vor allem, wenn sie unter idealen Bedingungen statt findet”. So werden mögliche Risken für das Kind, etwa intrapartale Hirnschäden als Folge von Sauerstoffmangel, durch den geplanten Kaiserschnitt größtenteils verhindert. Nach Ansicht von Philipp liegt das Hauptrisiko eines per primärer Sectio entbundenen Kindes jedoch in einem zwei- bis vierfach erhöhten Atemnotsyndrom (”Sectiosyndrom”).

Eine Vaginalgeburt muss nicht unbedingt die Ursache für eine Traumatisierung des Kindes sein, wie Untersuchungen aus Großbritannien beweisen. Philipp: ”Nicht der Geburtsakt selbst, sondern beispielsweise Durchblutungsstörungen der Plazenta oder andere ungünstige Voraussetzungen vor der Geburt können bereits eine Schädigung beim Kind bewirkt haben. Aus emotionaler Sicht spricht vor allem das fehlende Geburtserlebnis der Frau gegen den Kaiserschnitt”.

Wie viele Schnittentbindungen in Österreich tatsächlich auf Wunsch - oder Insistieren - der Patientin durchgeführt werden, wird statistisch bisher nicht erfasst. ”Faktum ist aber, dass Frauen im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge immer häufiger danach fragen", weiß Philipp aus Erfahrung.

Entgegen der früher vorherrschenden Meinung "Einmal Kaiserschnitt - immer Kaiserschnitt" können motivierte Schwangere unter bestimmten Voraussetzungen bei der nächsten Schwangerschaft durchaus "normal" gebären, ist Karl Philipp überzeugt. Viele Frauen wünschen sich nach einem Kaiserschnitt für die zweite Geburt sogar eine vaginale Entbindung.

Dazu kommt noch der juristische Aspekt. In Haftpflichtprozessen werden Ärzte so gut wie nie gefragt, warum ein Kaiserschnitt erfolgt ist, sondern nur, warum nicht. Ein Beispiel: Die ‚äußere Wendung‘, durch die der Fetus in die richtige Position gebracht werden kann, gehört zur ‚alten Schule der Geburtshilfe‘. Mittlerweile ziehen aber viele Geburtshelfer die Operation vor, um von vornherein mögliche Komplikationen - und damit allfällige Klagen der Eltern - auszuschließen.

Steigt die Sectiorate weiter an, wird es laut Philipp für die Geburtshelfer immer schwieriger, bei normalen Geburten Erfahrungen zu sammeln. ”Und je weniger Erfahrung ein Geburtshelfer mit Vaginalentbindungen hat, desto eher wird er bei einem komplizierten Verlauf eine Sectio anstreben”, analysiert Philipp und bringt noch einen ethischen Aspekt in die Diskussion ein: Mit jeder Operation fügt man der Frau eine Verletzung zu, die unter Umständen vermeidbar wäre. Den Leitsatz ”Primum nil nocere” sollte jeder Geburtshelfer im Auge behalten, betont der Experte.

Die Selbstbestimmung der Frau steht für Univ. Prof. Peter Husslein, Vorstand der Univ. Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie des AKH Wien, an erster Stelle. So stelle zwar der Arzt seine medizinische Kompetenz zur Verfügung, indem er die Frau über die verschiedenen Möglichkeiten zur Entbindung informiere. ”Aber”, so Husslein, ”die Entscheidung liegt letztlich immer bei der Schwangeren”. Dem Begriff Wunschkaiserschnitt kann Husslein mittlerweile nicht mehr viel abgewinnen. Elektive Sectio trifft seiner Meinung nach den Kern der Sache besser.

Husslein weiter: ”Die Sectio kommt dem zeitlichen Trend mehr und mehr entgegen”. Ärzte hätten solche Entscheidungen zu akzeptieren, ”denn medizinisch sprechen keine nennenswerten Gründe dagegen, viele wohlbedachte aber dafür”. Das Festhalten an der vaginalen Geburt kann Husslein nicht nachvollziehen, denn der Abschied von der Natürlichkeit hat in vielen anderen Bereichen schon längst stattgefunden. Wichtig sei seiner Meinung jedoch, Frauen aus allen sozialen Schichten zu ermutigen, ihre Wünsche kompetent vorzutragen. ”Die Wahl zwischen den verschiedenen Geburtsmöglichkeiten soll kein Privileg für Privatpatientinnen sein”.

Husslein ist darüber hinaus davon überzeugt, dass es in 50 Jahren einen Markt für Vaginalgeburten geben wird. „Kinder werden weitgehend nur noch per Sectio zur Welt kommen”. Auch ein Grund für diese Entwicklung: Geburtsgewicht und Geburtsgröße der Kinder nehmen zu. Concin wiederum will sich diesbezüglich auf keine Spekulationen einlassen: ”Gerade in der Medizin können sich die Dinge unheimlich schnell ändern”. Thesen und Antithesen hätten immer schon die Diskussion angeregt. ”Daraus lernen wir zum Wohle der Frauen”, wie er betont.

Einen steigenden Trend in Richtung geplante Sectio kann Concin in Vorarlberg nicht beobachten. Entbinden doch immerhin 80 Prozent der Frauen vaginal. Im Gegenteil: ”Viele Frauen sind enttäuscht, wenn bei ihnen eine natürliche Geburt nicht möglich ist”. Seiner Ansicht nach werde der Kaiserschnitt die traditionelle Geburtshilfe zwar nicht ersetzen. Allerdings wird es in Zukunft Spezialisten in entsprechenden Zentren vorbehalten sein, komplizierte Geburten zu übernehmen.

Resümee der Experten: Nach Risikoabwägung sollte die elektive Sectio werdenden Eltern nicht verwehrt werden. Dass eine natürliche Geburt nicht mehr als zeitgemäß angesehen wird, wollen jedoch nicht alle Befragten gelten lassen. ”Es wird wieder einen Gegentrend geben”, ist Philipp überzeugt und macht auf eventuelle Risken beim sorgfältig geplanten Kaiserschnitt - etwa die Uterusruptur in einer darauffolgenden Schwangerschaft – aufmerksam. Ein Problem, das laut Husslein jedoch vernachlässigbar ist, “bringt doch statistisch gesehen in Österreich jede Frau durchschnittlich nur noch 1,3 Kinder auf die Welt”.

 

 

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