Österreichische Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin

30 Jahre ÖGfPPM

RÜCKBLICK AUF DIE ANFÄNGE DER PERINATOLOGIE IN WIEN
K. Baumgarten

Zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann eine epochale, revolutionäre, neue Entwicklung auf dem Gebiete der Geburtshilfe.
Sie begann mit der Synthese des Oxytoci und einige Jahre später mit der Entwicklung der ersten brauchbaren Wehenhemmer, der Betamimetika.
Caldeyro-Barcia und Hon verdanken wir die Cardiotokographie und deren Auswertung.
Saling führte die - meines Erachtens nach zu unrecht und zu früh verlassene - Amnioskopie und kurz darauf die Fetalblutgasanlayse ein.
Protagonisten der sanften Geburt meldeten sich zu Wort.
Die Sonographie ermöglichte die Diagnose der Frühschwangerschaft und der Fehlbildungserkennung und erleichterte die Amniozentesen zur Fruchtwasseruntersuchung.
Die Pädiater entwickelten die Reanimationsmöglichkeiten des Neugeborenen, der Beurteilungsscore von Virginia Apgar fand Eingang in die Praxis, Neugeborenen-Intensivstationen und -Intensivtransport folgten.
Die Regionalanästhesie fand Eingang in die Geburtshilfe.
Dies alles entwickelte sich innerhalb von zwei bis drei Jahrzehnten und trotzdem war - auch bei uns in Österreich - die perinatale Mortalität noch unerfreulich hoch. Die Traumzahlen von Schweden wurden bekannt und wurden vor allem auf eine intensive Schwangerenbetreuung zurückgeführt, aber auch die Bedeutung der Geburtsüberwachung wurde allgemein anerkannt.
Was war der Grund für diese unbefriedigende Situation hierzulande, trotz der allen bekannten Möglichkeiten der Verbesserung der Betreuung von Mutter und Kind?
Vor Allem gab es Schwierigkeiten die neuen Kenntnisse anzuwenden und es fehlte die - finanzielle - Unterstützung der vorgesetzten Dienststellen, da die Umsetzung dieser Entwicklungen in die Praxis natürlich mit nicht unbeträchtlichen Kosten verbunden waren.
Zudem musste sich der Gedanke erst durchsetzen, dass nur eine intensive Zusammenarbeit aller drei Disziplinen - Geburtshilfe, Pädiatrie und Anästhesie - erfolgversprechend sein konnte und selbstverständlich mussten auch die Hebammen in die Betreuung der Schwangeren miteinbezogen und von der Bedeutung der gebutshilflichen Überwachung überzeugt werden.
Es waren die streitbaren Vorstände der damals renommiertesten drei pädiatrischen Abteilungen der Stadt Wien, Svoboda, Cerny und Rosenkranz, die den Stein in den frühen 70-er Jahren ins Rollen brachten.
Sie kritisierten die mangelnde Nutzung der bereits vorhandenen Möglichkeiten der Geburtshilfe und Pädiatrie, vor allem die noch unbefriedigende Zusammenarbeit dieser Disziplinen.
Diese Kritik war aber nur zum Teil berechtigt, wenn auch - wie sich später zeigte - durchaus fruchtbar.

Einiges war aber schon zuvor in Gang gekommen:

Durch die Initiative der seit 1971 im Amt befindlichen Gesundheitsministerin Leodolter wurde ernsthaft mit der Entwicklung eines Mutter Kind Passes begonnen.
Von den erwähnten Pädiatern angeregt, wurde Andreas Rett von der Ministerin beauftragt ein solches Dokument zu entwickeln und er lud mich ein, den geburtshilflichen Teil zu konzipieren.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit meinem Freund und Wegbegleiter Herbert Fröhlich in zahllosen Nachtdiensten stundenlang an einem solchen Konzept arbeitete
Die Geburt des Mutter Kind Passes war dennoch schwierig. Sollte er Erfolg haben, dann mussten die Frauenärzte in der Praxis zur Mitarbeit gewonnen werden. Dies aber brachte eine beträchtliche Mehrarbeit für diese mit sich, was viele Gynäkologen störte, zumal zum damaligen Zeitpunkt diese nicht mit den angebotenen finanziellen Leistungen in Einklang stand. Dies führte sogar dazu, dass in einem großen Bundesland die Fachgruppe der Geburtshilfe ihren Kollegen empfahl dieses Dokument zu boykottieren.
Heute bestreitet wohl niemand mehr den Nutzen des Mutter Kind Passes. Ohne Zweifel hat er rasch einen beträchtlichen Anteil an der Senkung der perinatalen Mortalität und Morbidität erreicht und es wurde und wird erfolgreich versucht ihn ständig zu erweitern und zu verbessern

Weiters ließ uns an der II. Frauenklinik die Unterstützung und Patronanz der neuen Gesundheitsministerin damals die sogenannten "fliegenden Teams" gründen und nachdem es mir gelungen war auch die Gesundheitsbehörden in Wien davon zu überzeugen, dass zumindest ein Cardiotokograph und ein Gasanalysegerät, sowie die von Anästhesie und Pädiatrie geforderten minimalen Reanimationsmöglichkeiten für das Neugeborene an jeder geburtshilflichen Abteilung der Stadt vorhanden sein müssen, besuchte das "fliegendeTeam", bestehend aus einer Hebamme, einem Geburtshelfer, einem Pädiater und einem Anästhesisten ,an die geburtshilflichen Abteilungen unserer Stadt und hatte Gelegenheit dort mit der Ärzteschaft und den Hebammen die Nutzung der Geräte zu üben. (Bislang fristeten einige davon - verschämt unter einem Leintuch in einem Winkel des Kreisssaales verborgen - ungenutzt ihr Dasein.)

Das alles aber - so erkannten wir schnell - waren nur erste Versuche, wenn es nicht gelang die Zusammenarbeit der an der Verbesserung der Versorgung von Mutter und Kind interessierten in einer wissenschaftlich tätigen Gruppe zusammenzufassen.
1972, auf dem Weg von einem europäischen Kongress für Perinatalmedizin nach Hause, diskutierte Otto Thalhammer mit mir dieses Problem im Flugzeug und wir entschlossen uns eine Österreichische Gesellschaft für Perinatalmedizin zu gründen. Dies setzte zunächst einmal voraus, dass die Vorstände der Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie und Pädiatrie uns Jungen ein solches Unterfangen gestatteten.
Es war die Gunst der Stunde, dass die damaligen Präsidenten der beiden Gesellschaften an diesen Zielen ebenso interessiert waren wie wir und uns freie Hand liessen, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Mein damaliger Chef und Lehrer Hugo Husslein nutze die damals an der Klinik noch mögliche "demokratische" Vorgangsweise um mir möglichst rasch eine größere Zahl von Mitgliedern der zu gründenden Gesellschaft zu vermitteln, indem er an einem Klinikabend freundlich, aber bestimmt feststellte, dass sämtliche Mitarbeiter des Hauses die Beitrittserklärungen auszufüllen hätten und die Klinik selbstverständlich die Beitrittsgebühr für alle übernehmen würde.
Den Vorstand des Institutes für Anästhesie, Mayrhofer, für uns zu gewinnen war ein Leichtes. Sein Engagement war eine grosse Hilfe für die Entwicklung dieser Gesellschaft, und seine Mitgift war sein damals eben aus den USA zurückgekehrter Mitarbeiter, Julius Neumark, der sich erfolgreich für die Einführung der Regionalanästhesie in der Geburtshilfe einsetzte.

Dem großen PR-Talent von Otto Thalhammer fiel es nicht schwer auch in den Bundesländern Interessierte für die Gründung einer solchen Gesellschaft zu finden, zumal unser Programm in der damaligen Zeit absolut interessant und erfolgversprechend schien:

  1. Verbesserung, vor allem aber auch Vereinheitlichung der Schwangeren Vor- und Fürsorge.
     
  2. Optimale Geburtsüberwachung - nicht nur bei Risikofällen - an allen geburtshilflichen Abteilungen
     
  3. Optimale Versorgung des Neugeborenen, im besonderen auch des Risikokindes

Mit seinem bewundernswerten Feingefühl gelang es ihm auch die Verteilung der Anzahl der Vorstandsmitglieder nach Bundesländern und Fächern so zu regeln, dass keinerlei Widerspruch aufkam und so wurde die Gesellschaft am 30. Mai 1973 gegründet.

Ich möchte meinen Rückblick mit der Vorstellung des ersten wissenschaftlichen Programmes enden, aus dem sie erkennen können, dass der auch unserer Gesellschaft und mir in späteren Jahren immer wieder gemachte Vorwurf der Einseitigkeit der Entwicklung der Perinatalmedizin nicht zu Recht bestand.

Programm der 1. Wissenschaftlichen Sitzung am 10.11.1973 in Wien:

Referat 1:
Thalhammer, O.: Ein praktikabler Score zur Vorhersage der Frühgeburt
Kontrareferat:
Müller-Hartburg, W.: Stellungnahme vom Gesichtspunkt einer Geb. Abteilung am flachen Land.
Referat 2:
Baumgarten, K.: Erkennung der Notfallsituation bei der Geburt bei apparativer Überwachung
Kontrareferat:
Wolf, F.: Erkennung der Notfallsituation bei der Geburt ohne apparative Überwachung

Ich persönlich bin stolz und glücklich die Entwicklung der Geburtshilfe von ihrem Neubeginn an mit erlebt haben zu dürfen und einen kleinen Teil zu dieser Entwicklung in unserem Lande beigetragen zu haben.
Ich wünsche dieser Gesellschaft, die ich - ich hoffe sie nehmen es mir nicht übel - auch meine Gesellschaft nenne, für die nächsten 30 Jahre ebensolchen Erfolg, wie in der vergangenen Periode.

 

 

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