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Kurt Hecher
Abt. für Pränatale Diagnostik und Therapie
Zentrum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
AK Barmbek, Hamburg
Die Entwicklungen in der Geburtshilfe und Pränatalmedizin während der letzten Jahre haben entscheidende Veränderungen für prospektive Eltern und Kinder bewirkt. Einerseits wurde die Geburtsmedizin deutlich erweitert durch die Pränatal- und Fetalmedizin, die vor einiger Zeit noch nicht existent war, andererseits besann man sich wieder des unbelasteten und den eigenen Wünschen entsprechenden Erlebens einer normalen Schwangerschaft und Geburt. Die Differenzierung zwischen normal verlaufenden und Risikoschwangerschaften ermöglicht eine den individuellen Bedürfnissen und Notwendigkeiten gerecht werdende Betreuung. Die Geburtshilfe wird nicht mehr als der weniger wichtiger Teil des Faches "Gynäkologie und Geburtshilfe" angesehen, sondern stellt im Vergleich zu den anderen Teilbereichen den eigenständigsten Bereich des Faches dar.
Das Verständnis und die Akzeptanz von Risikoabschätzungen spielen eine ganz entscheidende Rolle in der Möglichkeit zur Selbstbestimmung der Eltern in Hinblick auf Untersuchungen während der Schwangerschaft und die Wahl des Umfeldes und der zur Verfügung stehenden Einrichtungen unter der Geburt. Natürlich erwarten die Frauen eine kompetente Beratung und Betreuung, aber die Entscheidungsfreiheit darf nicht durch paternalistische Verhaltensweisen beeinträchtigt werden. Dies ist in verantwortungsvoller Art und Weise nur durch kompetente medizinische Versorgung, aber auch verständnisvolle menschliche Zuwendung durch speziell in Pränatalmedizin und Geburtshilfe ausgebildetes und erfahrenes medizinisches Personal möglich.
Eine Schwangerschaft stellt nur einen relativ kurzen Abschnitt im Leben dar und die Eltern gehen meist zurecht und selbstverständlich von einem glücklichen Ausgang aus. Es handelt sich also um eine einzigartige Situation in der Medizin, da es eine primär physiologische Situation ist und nicht eine Erkrankung. Sie ist ganz im Gegenteil mit besonderer Freude und Erwartung auf das Kommende verbunden und sollte möglichst frei von Ängsten zu genießen sein. Andererseits werden zunehmend Zusammenhänge zwischen intrauterinen fetalen Stresssituationen, wie z. b. Mangelentwicklung oder kardiale Belastung und kardiovaskuläre Erkrankungen im späteren Leben erkannt und diese intrauterine Programmierung unterstreicht die Wichtigkeit der Erforschung fetaler Physiologie und Pathophysiologie und deren Folgen für die Entwicklung pränataler Therapien und für das geburtshilfliche Management.
Eine zeitgemäße Pränatalmedizin und Geburtshilfe zeichnet sich dadurch aus, dass die Wünsche der werdenden Mütter respektiert werden. Das Bedürfnis nach Auf- und Abklärung kann individuell sehr unterschiedlich sein. Eine realistische Aufklärung über potentielle Risiken, ohne durch die Überschätzung derselben Angst zu machen, erscheint mit als der beste Weg der Schwangerenbetreuung. Dem schließt sich die Aufklärung über mögliche Untersuchungen und präventive, sowie therapeutische Maßnahmen und deren mögliche Risiken an.
Die Bestätigung des meist normalen Verlaufs einer Schwangerschaft oder einer Geburt und die Bestärkung von somit gerechtfertigter Freude und Optimismus sind ebenso wichtig. Die Wahl der geburtshilflichen Betreuung und der medizinischen Einrichtungen sollte von der pränatalen Risikoabschätzung abhängig gemacht werden. Die Berufung auf ein immer vorhandenes Restrisiko stellt eine meiner Meinung nach unzulässige Verängstigung der Schwangeren dar. Würden wir unsere Entscheidungen stets nach Restrisiken fällen und unser Leben danach einrichten, wären wir durch ständige Sicherheitsvorkehrungen handlungsunfähig, denn Restrisiken sind allgegenwärtig, ja sogar in den besten medizinischen Zentren sind sie nicht wegzuleugnen. Die freie Wahl der geburtshilflichen Betreuung nach verantwortungsvoller Aufklärung und Information sollte die Leitlinie der zeitgemäßen Geburtshilfe sein. Wir sollten durchaus den Mut haben, die Diskussion zu führen über die Wunschsectio einer - und die ausschließliche Betreuung durch Hebammen unter der Geburt andererseits, als Gegenpole der Möglichkeiten persönlicher Wünsche von Frauen, so nicht medizinische Gründe dagegen sprechen.
In Zukunft ist einerseits die Geburtshilfe ohne den pränatalen Bereich der Fetomaternalen Medizin nicht mehr zu denken. Andererseits macht die Pränatalmedizin ohne den die Schwangerschaft abschließenden Bereich der Geburtshilfe und, wenn notwendig, Geburtsmedizin keinen Sinn. Durch die Anerkennung des Ungeborenen als potentiellen Patienten ergaben sich völlig neue Dimensionen, die es in der klassischen Geburtshilfe, die sich nur auf den Kreißsaal und allenfalls auf die Wochenstation bezog, nicht gab. Daher kann die alte Konzeption des Gynäkologen, der nur bei Notfällen im Kreißsaal die entscheidende Rolle spielte, nicht mehr aufrecht erhalten werden. Ernstgemeinte Reformen müssen dieser Tatsache Rechnung tragen, denn die aktuellen Fragestellungen der Pränatal- und Geburtsmedizin haben mit den eigentlich gynäkologischen wenig gemeinsam. Viel verbindet sich jedoch mit den Bereichen Innere Medizin, Neonatologie, Humangenetik oder Kinderkardiologie und chirurgie. Dabei soll es nicht so sein, dass die Ausbildung zum Facharzt nur für ein Gebiet erfolgt. An Universitätskliniken und Schwerpunktkrankenhäusern wird jedoch eine Strukturierung in völlig eigenverantwortliche und eigenständige Abteilungen unumgänglich sein. Dies sowohl im Sinne der Patienten im Hinblick auf eine optimale Versorgung, als auch im Sinne des medizinischen Personals im Hinblick auf ein befriedigendes Arbeitsumfeld.
Neue Aufgabenbereiche wie ethische Fragestellungen oder Qualitätssicherung sind ein Spiegelbild des Wandels der Geburtshilfe und sie unterstreichen die Stellung dieses Bereiches in der Gesamtheit des persönlichen und gesellschaftlichen Umfeldes. Die umfassende Betreuung von Mutter und Kind ungeboren und geboren ist ohne diese Gesamtschau nicht möglich. Aber auch Arzt und Hebamme benötigen konkrete Hilfestellungen in den Kräftefeldern zwischen klassischer Schulmedizin und komplementärer Medizin sowie zwischen Ethik, persönlicher Notsituation und Forensik.
Ich sehe die Entwicklung und die Rolle der Geburtshilfe positiv und bin optimistisch, da sich gute Konzepte auf lange Zeit immer durchsetzen. Die skizzierten Veränderungen sind unumgänglich und werden auch von den werdenden Eltern, der jungen Generation, unbewusst und auch bewusst voran getrieben. Sie haben heute ganz andere Möglichkeiten sich Information zu verschaffen und sind sich immer mehr der Besonderheit ihrer Situation als werdende Eltern und dieses Bereiches der Medizin bewusst. Sie sind unsere besten Partner, auch als Stellvertreter für ihre Kinder, in diesem Prozess der Veränderung.
Inhaltsverzeichnis der Festschrift
"30 Jahre Österreichische Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin":
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