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S. Leodolter
Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe
Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Im Jahre 1974 wurde vom damaligen Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz ein Schwerpunktprogramm zur Senkung der peri- und neonatalen Mortalität und Morbidität initiiert. Anlass für diese Aktivität war, dass Anfang der 70-er Jahre die geburtshilflichen Ergebnisse in Österreich in etwa denen von Ländern der 3. Welt entsprachen. Das Schwerpunktprogramm beinhaltete wesentliche Verbesserungen, einerseits der geburtshilflichen Betreuung der Schwangeren und ihres ungeborenen Kindes und andererseits der neonatologischen bzw. pädiatrischen Versorgung des Neugeborenen; sowohl in quantitativer wie auch in qualitativer Hinsicht.
Durch Schaffung des Mutter-Kind-Passes, der einen Teil dieses Schwerpunktprogrammes darstellte, wurde die durchschnittliche Zahl an ärztlichen Konsultationen in der Schwangerschaft und der Neugeborenen-Periode deutlich erhöht; während z.B. vor Einführung des Mutter-Kind-Passes knapp zwei geburtshilfliche Kontrollen während der ganzen Schwangerschaft vorgenommen worden waren, wurden kurz nach Einführung im Schnitt bereits fünf ärztliche Konsultationen registriert. Weiters waren während der Schwangerschaft eine internistische und verschiedene Laboruntersuchungen vorgeschrieben.
Nahezu 100% der Schwangeren nahmen dieses Vorsorgeprogramm in Anspruch, nicht zuletzt vor allem auch bedingt durch den finanziellen Anreiz; unmittelbar nach der Geburt wurden bei Einhaltung der „Vorbedingungen“ bereits 8.000 öS ausbezahlt.
Als unmittelbarer Erfolg war bereits in den ersten fünf Jahren Mutter-Kind-Pass ein Absinken der perinatalen Mortalität um fast 50% zu verzeichnen (1973: 24,8‰, 1978: 14,9‰), wohl ein sehr eindrucksvoller Erfolg. Um eine prozentuell gleichwertige Verbesserung zu erzielen, waren vor Einführung des Mutter-Kind-Passes rund 30 Jahre vergangen.
Nun, die Einführung des Mutter-Kind-Passes war naturgemäß nur einer der Gründe für die Verbesserung der geburtshilflichen Resultate, etwa gleichzeitig, also mit Anfang der 70er Jahre, ist auch der Beginn des Zeitalters der Perinatal- und Neonatalmedizin anzusetzen. Geburtsmedizinische Schwerpunkte waren unter anderem die endokrine Überwachung der Schwangerschaft, der Einsatz der Ultraschall-Technik, die Möglichkeit einer kontinuierlichen, apparativen Herzschlag- und Wehenregistrierung (Cardio-Tokographie), die Amnioskopie, die fetale Lungenreife-Diagnostik und -Therapie, sowie die fetale Blutgasanalyse sub- bzw. post partum. Ein wichtiger Teil des Schwerpunktprogrammes war es, die geburtshilflichen und neonatologischen Abteilungen entsprechend apparativ auszustatten.
Als Ergebnis dieser Aktivitäten waren Fortschritte auf allen Gebieten der Geburtshilfe und Perinatalmedizin zu registrieren. So gelang zunehmend die frühzeitige Diagnostik und Therapie schwangerschaftsbedingter Erkrankungen der werdenden Mutter, insbesondere die Erfassung von Stoffwechselstörungen, weiters die Diagnostik von mütterlichen Infektionen, einer drohenden Frühgeburt, sowie von Mehrlingsschwangerschaften und fetalen Fehlbildungen. Ein wichtiger Aspekt war auch die rechtzeitige Diagnostik einer fetalen Mangelernährung bedingt durch plazentare Dysfunktion.
Zumindest ebenso bedeutsam waren die Fortschritte auf dem Gebiet der Neonatologie, diese betrafen insbesondere die Betreuung von Risiko-Neugeborenen bzw. von mangelernährten bzw. unreifen Kindern.
Doch nicht von allen Seiten wurden die peri- und neonatologischen Fortschritte ausschließlich positiv aufgenommen: Zwar sprachen die eindrucksvollen Ergebnisse eine deutliche Sprache, die Verdrängung der Geburtshilfe durch die Geburtsmedizin blieb allerdings nicht unwidersprochen. Erst nach vielen Jahren der zeitweise sehr emotional und unsachlich geführten Diskussion wurde zwischen allen Interessensgruppen der für die Schwangere und ihr Kind so entscheidende Kompromiss erzielt, der in der Maxime
seinen Ausdruck fand.
Nicht zuletzt rechnete sich das Schwerpunktprogramm auch finanziell. Zwar haben ökonomische Überlegungen naturgemäß im Kontext einer Senkung der peri- und neonatalen Mortalität und Morbidität nicht im Vordergrund zu stehen, bei Gegenüberstellung der Kosten und des Nutzens zeigte sich jedoch auch in dieser Beziehung eine ausgeglichene Bilanz; und das ohne Einbeziehung einer Reihe von indirekten und nicht monetär quantifizierbaren Nutzen. Nicht zuletzt darf ein weiterer wichtiger Aspekt nicht übersehen werden: Mit der Einführung des Schwerpunktprogrammes und insbesondere des Mutter-Kind-Passes hatte das Zeitalter der Vorsorgemedizin begonnen; ein Umdenken von der kurativen zur Präventivmedizin griff Platz. Diese Entwicklungen wurden ausführlich in den Massenmedien diskutiert, womit zweifellos auch ein weiterer wichtiger Ansatz in Richtung Gesundheitsbewusstsein der österreichischen Bevölkerung erzielt wurde.
Abschließend noch eine Zahl: unseren Berechnungen zufolge konnte zwischen 1973 und 1978 der Tod von rund 2.005 Kindern verhindert werden, zusätzlich ist anzunehmen, und wissenschaftliche Arbeiten untermauern diese Annahme, dass während dieses Zeitraumes bei insgesamt etwa weiteren 5.000 Kindern schwangerschafts- und geburtsbedingte Behinderungen vermieden wurden. Allerdings, wenn der Ausgangslevel so tief ist, wie in Bezug auf die geburtshilflichen Ergebnisse zu Beginn der 70er Jahre in Österreich, kann schon durch wenige gezielte Maßnahmen viel erreicht werden. Schwieriger war es dann in den Folgejahren, weitere Verbesserungen von einem relativ höheren Niveau aus zu erzielen. Ein Instrument dafür schien die damals ins Leben gerufene Einzelfallanalyse von geburtshilflichen, kindlichen Todesfällen.
Inhaltsverzeichnis der Festschrift
"30 Jahre Österreichische Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin":
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