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Otto Mayrhofer-Krammel
Die Österreichische Geselischaft für Perinatale Medizin war ja bekanntlich schon bei ihrer Gründung interdisziplinär konzipiert. Nicht nur Geburtshelfer und Pädiater, sondern auch einschlägig interessierte Anästhesisten sollten in ihr Sitz und Stimme haben. Ich habe mich daher von Anbeginn freudig engagiert, war Gründungsmitglied und gehörte dem ersten Vorstand der Gesellschaft an. Mein persönliches Interesse an der geburtshilflichen Anästhesie und an der Reanimation des Neugeborenen reicht weit über den Gründungszeitpunkt dieser Gesellschaft zurück, die heute ihr dreißigstes Bestandsjubiläum feiert. Nicht zuletzt wurde es schon während meiner Ausbildungszeit geweckt als Schüler von Virginia Apgar, die ja durch ihr weltweit erstes - Beurteilungsschema des Neugeborenen jedem Neo- und Perinatologen namentlich bekannt ist. Da ich das Glück hatte, schon vor nunmehr 55 Jahren einer ihrer Schüler zu sein, dachte ich, dass es für unser heutiges Auditorium nicht uninteressant wäre, jener Persönlichkeit kurz zu gedenken, die vor genau einem halben Jahrhundert das nach ihr benannte Score publiziert hat.
Zunächst darf ich erwähnen, dass ich 1944 hier in Wien promoviert wurde und nach dem Krieg eine Ausbildung zum Chirurgen anstrebte. Als junger Assistent an der Klinik von Professor Wolfgang Denk erkannte ich nach einem Besuch amerikanischer Professoren im Sommer 1947, dass unsere damalige Chirurgie zur Stagnation verurteilt wäre, wenn wir nicht auf dem Sektorder Narkose so rasch wie möglich zur anglo- amerikanischen Medizin aufschließen würden. Denk verschaffte mir ein WHO-Stipendium nach Großbritannien, durch welches ich von September 1947 bis April 1948 eine Basis- Ausbildung absolvieren konnte. Nach meiner Rückkehr begann ich zunächst mein karges Wissen an andere Kollegen weiter zu geben. Mein erster Schüler war Fritz Chott, älteren Gynäkologen in diesem Kreise sicherlich noch in guter Erinnerung.
Mein Fernziel war es natürlich, zu einer wohl fundierten Fachausbildung zu gelangen, möglichst in den U.S.A. Noch im gleichen Jahr kam mir der Zufall in Gestalt einer amerikanischen Krankenschwester, die unsere Klinik besuchte, entgegen. Sie erzählte mir, dass man im New Yorker Presbyterian Hospital der Columbia University Anästhesisten suchte und auch unter Umständen Ausländer aufnehmen würde. Sie stellte den Kontakt mit der dortigen Anästhesie-Chefin her und auf Grund guter Empfehlungen meiner britischen Lehrer wurde mir die Position eines Assistant Resident per 1. Juli 1949 offeriert, welche ich dankend annahm. Mein Chef Wolfgang Denk zeigte großes Verständnis für meine Ambitionen und gewährte mir einen einjährigen Karenzurlaub.
So reiste ich also, gemeinsam mit meiner Frau, per Schiff nach New York, wo wir genau am Morgen des 1. Juli, einem Freitag, ankamen. Am Pier erwarteten uns nicht nur eine persönliche Bekannte, sondern auch eine schlanke, quirlige, jugendlich wirkende, wenn auch grauhaarige Dame, die sich als Dr. Virginia Apgar vorstellte und doch tatsächlich jene Chefin des Anästhesie- Service war, mit der ich korrespondiert hatte. Sie brachte uns im eigenen Auto zu unserem Quartier, einem geräumigen Untermiet- Zimmer bei einer sehr lieben Witwe, die aus Kanada stammte. Dr. Apgar hatte dieses Zimmer persönlich ausgewählt und für einen Monat voraus gemietet. Es gefiel uns dort so gut, dass wir während unseres gesamten Amerika-Aufenthaltes dort blieben. Die Wohnung lag knapp neben dem Hudson River mit Blick auf die George Washington Bridge und war nur zehn Geh- Minuten vom Medical Center entfernt.
Die Fürsorge Virginia Apgars mit ihrem zukünftigen Schüler endete damit aber noch lange nicht. Während meine Frau unser Gepäck verstaute, wobei sie von unserer zweiten "Abholerin" unterstützt wurde, nahm sie mich ins Presbyterian Hospital mit und brachte mich ins Sekretariat der Chirurgie, wo ich vorgestellt und offiziell registriert wurde. Schließlich hatte ich ja am 1. Juli 1949 meinen Dienst anzutreten. Die Anästhesie war damals, wie ich erklärt bekam, noch eine sog. Division des Departments of Surgery. Dessen Chef, Professor Humphries, war zwar sehr umgänglich und ließ Virginia Apgar völlig freie Hand, aber offiziell war sie seine Untergebene. Inzwischen war es Mittag geworden und wir gingen in den Personal-Speisesaal, wo mich meine neue Chefin einigen anderen Anästhesisten vorstellte, u. a. auch dem Leiter des Anästhesiedienstes für die Frauenklinik, wo ich meinen ersten Ausbildungsmonat verbringen sollte. Der zweite Monat war bereits für den Dienst in den Kreis- Sälen voraus geplant. Ich fand sehr bald heraus, dass diesem Bereich ihre besondere Liebe gehörte. Da sie aus unserer Korrespondenz wußte, dass ich bisher vor allem in der allgemeinen, Unfall- und Thoraxchirurgie gearbeitet hatte, sollte ich jetzt in Rotation in verschiedenen anderen Fachsparten tätig sein.
Wie schon aus diesen wenigen Sätzen ersichtlich, kümmerte sich Virginia Apgar um alles, ja sie war geradezu allgegenwärtig. Wegen ihrer Kompetenz und Einsatzfreude war sie im ganzen Haus beliebt und geschätzt. Bezüglich Einsatz sollte ich übrigens gleich am ersten Tag feststellen, dass sie diesen auch von allen ihren Mitarbeitern im vollen Maße forderte. Dienstschluß war um 17 Uhr und dann waren noch die Patienten vom gleichen Tag nach- und die für den nächsten Tag voraus zu besuchen. Ich bekam also um 17 Uhr die Liste der Patientinnen, die ich am nächsten Tag zu narkotisieren hatte, und machte dann - zum ersten und zugleich letzten Mal in Begleitung eines älteren Kollegen - meine Vorbereitungs-Visiten. Damals wurden auch an Samstagen bis 13 Uhr Routine- Operationen durchgeführt.
Als ich kurz nach sechs Uhr abends in unser Quartier kam, waren die beiden Damen schon sehr besorgt. Da es sich um ein langes Wochenende handelte, - am Montag, den 4. Juli war ja Liberty Day - wollte uns unsere Bekannte, eine nach dem Krieg hinüber emigrierte Ärztin und Freundin meiner Schwiegermutter, gleich nach Boston, wo sie lebte und arbeitete, mitnehmen. Meine Frau sollte die ganze erste Woche bei ihr - zum "Eingewöhnen" - verbringen und ich das lange Wochenende. Ersteres klappte zwar, aber das einzige Zugeständnis, das ich bekam, war, dass ich am Samstag "ausnahmsweise" schon um 12 Uhr das Spital verlassen durfte und nicht zum Feiertagsdienst, sondern erst am Dienstag zum ersten Tag- und Nachtdienst erscheinen musste. Die Anasthesie-Residents waren in drei Teams eingeteilt, die nach dem normalen Tagdienst im Haus blieben und am nächsten Morgen gleich nach einem zeitigen Frühstück wieder ihren Tagdienst antreten mussten. Ich hatte Glück, dass man mich für das Team B eingeteilt hatte, welches erst am Dienstag den nächsten Nachtdienst hatte. Wäre ich dem Team A zugewiesen worden, hätte ich bereits meinen ersten National-Feiertag im Columbia - Presbyterian- Medical- Center verbringen "dürfen".
Virginia Apgar war zum Zeitpunkt meines Eintrittes in ihre Abteilung 40 Jahre alt (geb. 1909) und obwohl ich um fast zwölf Jahre jünger war durfte, ja musste, ich wie alle anderen im Hause "Ginnie" zu ihr sagen. Und sie sprach natürlich auch alle ihre Mitarbeiter, ebenso wir alle Kollegen der operativen und der anderen Fächer mit Vornamen an. Ginnie hatte ihre Fachausbildung noch vor dem Krieg in Madison, Wisconsin bei Ralph Waters, dem Altmeister und ersten Ordinarius für Anästhesie überhaupt, begonnen und war von ihm selbst knapp vor Kriegsende mit 35 Jahren an ihre jetzige Wirkungsstätte empfohlen worden. Sie baute den Anästhesie-Dienst für das Medical Center auf und aus. Ihr offizieller Rang war Associate Professor und Head, Division of Anesthesiology. Ich habe allerdings nie gehört, dass sie irgend jemand mit Professor Apgar ansprach.
Ginnie war die erste im Haus und die letzte, die es verließ. Ihr Privatleben reduzierte sich auf das absolute Minimum. Von einem Mann in ihrem Leben hatte niemals irgendwer gehört. Sie lebte in einem kleinen Ort in New Jersey, gleich jenseits der George Washington Bridge, etwa fünfzehn Autominuten vom Spital entfernt, gemeinsam mit einer Freundin, die sich um den Haushalt und das leibliche Wohl kümmerte. Ihre Haupt-Hobbies waren klassische Musik und Musikinstrumente. Ihren Mitarbeitern stand sie als Lehrerin und mütterliche Freundin jederzeit zur Verfügung. Ich habe von ihr nie ein lautes Wort oder einen direkten Tadel gehört. Im äußersten Fall eine wohlbegründete Belehrung. Ihre Zufriedenheit oder ihr Missfallen pflegte sie mit einem gezeichneten Vollmondgesicht auszudrücken, bei dem der Mund im ersteren Fall nach unten konvex, im zweiten nach oben stand. (Abb. 1)
Als die Division" im Frühjahr 1950 zu einem selbständigen Department umgewandelt und Emanuel M. Papper von der New York University als dessen Chef berufen wurde, trat sie ohne Kommentar ins zweite Glied zurück. "Manny" Papper, der über seinen bisherigen Chef Professor Rovenstine quasi als Enkelschüler selbst der Schule Waters zugerechnet werden konnte, war um 6 Jahre jünger (Jahrgang 1915) als Virginia Apgar. Er ließ ihr freie Wahl, sich ihren Ambitionen zu widmen. Natürlich wählte sie den Bereich Geburtshilfe. Gleichzeitig begann sie die Suche nach einer experimentellen Abteilung, an der sie Studien über die plazentare Passage von Medikamenten an Versuchstieren durchführen konnte. Etwa zur gleichen Zeit zu der ich meinen Ausbildungsaufenthalt in New York beendete, Oktober 1950, begann sie ihr Studien-Sabbatical. Ich weiss allerdings nicht, wo sie es genau verbrachte.
Jedenfalls traf ich sie im September 1951 in London bei einem Internationalen Anästhesie-Kongress, wo sie ein Referat mit dem Titel "The Transmission of Drugs across the Placental Barriere" hielt, in dem sie vor allem vor der Gabe höherer Dosen von Barbituraten und starken Analgetika aus der Morphin-Gruppe in der geburtshilflichen Anästhesie warnte. Sie freute sich, ihren ehemaligen Schüler überraschend wieder zu sehen und gratulierte uns zur Einführung von Succinylcholin in die klinische Praxis.
In der ersten, heute längst vergriffenen, Auflage unseres Lehrbuches der Anästhesiologie im Springer - Verlag 1955 schrieb ich das Kapitel geburtshilfliche Anästhesie und erwähnte darin die Ergebnisse ihrer Studien, ebenso wie das von ihr 1953 erstmals publizierte Neugeborenen-Score. Persönlich traf ich sie erst wieder bei meinem nächsten U.S.A.- Besuch vor dem Weltkongress für Anästhesiologie in Toronto im September 1960. Damals war sie schon weltberühmt auf ihrem Fachgebiet. Ich versuchte, sie für den Ersten Europäischen Kongress 1962 nach Wien als Referentin zu gewinnen, aber sie wollte keine größeren Reisen mehr machen. Bei meinem nächsten Besuch in New York 1965 traf ich sie nicht mehr am Presbyterian Hospital an. Sie war ein Jahr zuvor in Pension gegangen und widmete sich nur mehr ihrem Hobby Geigenbau.
Im Oktober 1972 schrieb sie mir einige Zeilen, um mir zu meiner Wahl zu Präsidenten des Anästhesie-Weltbundes zu gratulieren. Sie signierte es mit ihrem typischen lachenden Mondgesicht, mit dem sie ihre Freude zum Ausdruck brachte. Leider ist dieser Brief verloren gegangen. Mein Dankschreiben an sie war unser letzter Kontakt. 1974 starb sie, was ich allerdings erst ein Jahr später erfuhr. Zu diesem Zeitpunkt hatte unsere perinatologische Gesellschaft schon eine Menge Aktivitäten gesetzt, über die sie sich sicherlich sehr gefreut hätte. Sie war eine ganz große, ungeheuer bescheidene Pionier-Persönlichkeit, die leider viel zu früh von uns gegangen ist. Ein paar Jahre posthum, ca. um 1980, widmete ihr die amerikanische Post eine Briefmarke, die sie als etwa 60-Jährige zeigt. Diese Ehre wurde meines Wissens vor ihr erst einem Anästhesisten zuteil, nämlich dem Kanadier Harold Griffith, der 1942 das Curare in die klinische Praxis einführte und 1955 der erste Präsident des Anästhesie-Weltbundes wurde.
Apgar, V.: A proposal for a new method of evaluation of the new born infant.
Curr. Res. Anaest. Analg. 33, 260 (1953).
Inhaltsverzeichnis der Festschrift
"30 Jahre Österreichische Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin":
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