Österreichische Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin

30 Jahre ÖGfPPM

30 JAHRE ÖSTERREICHISCHE GESELLSCHAFT FÜR PERINATALE
MEDIZIN - ZEITZEUGIN UND VERMITTLERIN DES JÜNGSTEN ZWEIGES
DER ÄLTESTEN DISZIPLIN DER HEILKUNDE
Anton Schaller

Herr Präsident, Professor Gruber!
Sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Einleitung:

2003, - eine wissenschaftliche Gesellschaft begeht das 30 Jahr-Jubiläum ihrer Gründung, eingestandenerweise eine runde Zahl, obgleich für eine Jubiläumsfeier nicht gerade alltäglich. Warum eigentlich? - Als Eingeständnis, das 25 Jahr-Jubiläum übersehen zu haben, aus Angst, das 50 Jahr-Jubiläum nicht mehr zu erleben oder vielleicht doch im Bewußtsein bzw. der Einsicht einer Zäsur, - dergestalt, dass die vor nunmehr 3 Jahrzehnten gestellten Aufgaben und gesteckten Ziele bereits erreicht wurden. Ob dem so ist, soll nachfolgend abzuklären versucht werden.

Aus weltpolitischer Sicht blieb das Jahr 1973 durch die Beendigung des Vietnamkrieges, durch den Watergate Skandal in den USA und durch den Ausbruch von Israels Jom-Kippur Krieg in Erinnerung.
1973 trauerte die Kunstwelt um den Maler und Bildhauer Pablo Picasso (* 1881), die Musikwelt um den spanischen Cellisten Pablo Casals (* 1876) und die Sportwelt um den finnischen Langstreckenläufer Paavo Nurmi (* 1897), der neunmal olympisches Gold errungen hatte. Und Aleksandr J. Solschenizyns „Archipel GULAG“, ein dreibändiger dokumentarischer Bericht, erschien in deutscher Sprache.
Aus Sicht der Medizinhistorie fällt in das Jahr 1973 die Definition der fundamentalen Rechte des Krankenhauspatienten und der Pflichten des Arztes in den „Bill of Rights“ der American Hospital Association. Der Brite Godfrey N. Hounsfield (* 1919) stellte eine neue Methode der Röntgendiagnostik, die Computertomographie, vor. Die beiden Österreicher, der Begründer der vergleichenden Verhaltensforschung, Konrad Lorenz (1903-1989), und Karl Ritter v. Frisch („Bienen-Frisch“, 1886-1982), der die Bienensprache erforschte, erhielten zusammen mit dem niederländischen Zoologen Nikolaas Tinbergen den Medizin- (genauer gesagt, Physiologie-) Nobelpreis.

Gründung und Begründer:

In die Geschichte der Österreichischen Geburtshilfe geht das Jahr 1973 als Gründungsjahr der Österreichischen Gesellschaft für Perinatale Medizin ein.
Nach Gründungsversammlungen im November 1972 (14. November) und März 1973 (10. März) war es am 8. Mai 1973 soweit: die Österreichische Gesellschaft für Perinatale Medizin wurde offiziell gegründet. Neben dem Vorsitzenden, dem Wiener Geburtshelfer Kurt Baumgarten, und dem stellvertretenden Vorsitzenden, dem Wiener Pädiater Otto Thalhammer, setzte sich der Vorstand entsprechend eines mit absoluter Mehrheit getroffenen Beschlusses aus 12 Mitgliedern zusammen: aus Wien O. Mayrhofer und R. Rosenkranz, aus Graz H. Heiß und E. Edlinger, aus Linz H. Bergmann und L. Hohenauer, aus Salzburg G. Reiffenstuhl und V. Feurstein und aus Innsbruck O. Dapunt. Damit war der vereinbarten Drittelparität, vier Vorstandsmitglieder aus der Bundeshauptstadt Wien, acht Vorstandsmitglieder aus den österreichischen Bundesländern, entsprochen.
Schirmherr und Hausherr in Personalunion blieb bis zu seiner Emeritierung Hugo Husslein (1908-1985), Vorstand der II. Universitäts-Frauenklinik in Wien, die fortan Heimstätte der neugegründeten Gesellschaft war, und das nicht nur in administrativen Belangen; Hörsaal und selbst die Kreißsäle, namentlich der sog. Intensivkreißsaal (siehe unten), wurden für wissenschaftliche Sitzungen und abzuhaltende Kurse zur Verfügung gestellt.
Die Geschichte der Gesellschaft ist mit den Namen vieler Pioniere der an der Perinatologie partizipierenden Disziplinen aus der Zeit vor ihrer Gründung, der Geburtshilfe, der Anästhesie und vor allem der Pädiatrie bzw. der Neonatologie auf das Engste verbunden.
Von den Vorvätern der „jüngsten Disziplin“ der Geburtshilfe seien in diesem Rahmen lediglich zwei namentlich angeführt: John Braxton Hicks (1825-1897 [Trans.Obstet.Soc.London 13 (1872) 216]) und Christian Friedrich Schatz (1841-1920 [Arch.Gynäk. 5 (1872) 58]).
Zu den profiliertesten Pionieren aus jüngerer Vergangenheit gehören, freilich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aus der Geburtshilfe H.Alvarez (Lebensdaten nicht auffindbar) und Roberto Caldeyro Barcia (1921-1996), die in Montevideo, Uruguay, bereits 1950 die interne Tokographie mittels offenem intraamnialen Katheters sowie die direkte Kardio(tacho)graphie über Skalpelektroden am Feten erfunden und die heute noch aktuelle Klassifizierung in Dip I und Dip II vorgenommen hatten [Alvarez, H. and Caldeyro, R.: Contractility of the human uterus recorded by new.methods.Surg. Gynecol.Obstet.91 (1950) 1, Baumgarten, K.: Nachruf auf Roberto Caldeyro Barcia in der Wissenschaftlichen Sitzung der Österreichischen Gesellschaft für Perinatale Medizin vom 14. Dezember 1996]. Am 12. Jänner 1971, im Anschluss an seinen Vortrag „Treatment of acute fetal distress“ in der wissenschaftlichen Sitzung der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, erhielt Caldeyro Barcia die Ehrenmitgliedschaft dieser Gesellschaft von deren damaligem Präsidenten, Hugo Husslein, verliehen.
Edward H.Hon, der 1968 die große Bedeutung der „early, variable and late deceleration“ erkannte, machte sich um deren leicht verständliche Darstellung verdient [Hon, E.H.: An Atlas of Fetal Heart Rate Patterns. New Haven, Connecticut: Harty Press Inc., 1968]. Die Skalpelektroden sind zudem mit seinem Namen verbunden; anfangs, 1963, noch als modifizierte Michelle Klemmen, setzte sich 1977 die von ihm entwickelte spiralförmige Elektrode durch.
Zwischenzeitlich, 1962, hatte bereits Konrad Hammacher ein "klinikreifes Gerät" zur selektiven Registrierung der fetalen Herzschlagfrequenz in Zusammenarbeit zwischen dem physiologischen Institut der Universität Münster in Westfalen und der Frauenklinik der Medizinischen Akademie Düsseldorf entwickelt [Hammacher, K.: Neue Methode zur selektiven Registrierung der fetalen Herzschlagfrequenz, Geburtsh.Frauenheilk.22 (1962) 1542] und 1968 auf die Bedeutung der „beat to beat variation“, der Schwankungen der fetalen Herzfrequenz von Schlag zu Schlag innerhalb einer Minute, aufmerksam gemacht. [Hammacher, K., Huter, K.A., Bokelman, J. and Werners,P.H.: Foetal heart frequency and perinatal condition of the foetus and newborn. Gynaecologica 166 (1968) 349-36; Hammacher, K.: Intra-Uterine Dangers to the Fetus, Monograph Excerpta Medica, Amsterdamm 1966]
In Berlin führte Erich Saling (*1925) 1961 die Amnioskopie und 1962 die Mikroblutgas-analyse, die Bestimmung des pH, pO2, pCO2 aus dem fetalen Blut, ein, womit erst die „fetale Kondition“ in ihrer Gesamtheit erfasst und die Prävention der Acidose möglich wurde. Saling, fortan in der Geburtshilfe auf das Schlachten heiliger Kühe abonniert, wie es ein Journalist der Medical Tribune formulierte, berichtete allerdings schon 1961 auf dem III. Weltkongreß für Geburtshilfe und Gynäkologie in Wien (!) erstmals darüber. [Saling, E.: Neue Grundlagen für die Indikation zur operativen Geburtsbeendigung 1961, Berichte Nr. 425]
Gegenwärtig fast schon in Vergessenheit geraten: Anfang der 60er-Jahre wurde in (immer noch berechtigter?) Angst vor Infektionen der geburtshilfliche Status fast ausschließlich mittels rektaler (!) Untersuchung erhoben, eine Blasensprengung nur in seltenen Ausnahmefällen vorgenommen und die Rate der Kaiserschnittentbindungen lag unter 2 Prozent.

Aus dem Bereich der Anästhesie sei stellvertretend für viele nur ein Name genannt: Virginia Apgar (1904-1974) von der Columbia University. Der von ihr angegebene Score, das Punkteschema für die Zustandsdiagnostik des Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt, ist jedem Arzt und selbst Medizinstudenten auch 50 Jahre nach seiner Aufstellung bekannt und wird von jedem Geburtshelfer angewandt [Apgar Virginia: A proposal for a new method of evaluation of the newborn infant. Curr.Res.Anaest.Analg. 32 (1953) 260].

Das Neugeborene im Einflußbereich „noch der Geburtshilfe und schon der Pädiatrie“, - so in etwa stellte sich die Situation am Beginn des 20. Jahrhunderts dar.
In Wien leitete der Pädiater August Ritter v. Reuss (d.Ä.) (1879-1954) als Assistent der Universitätskinderklinik schon seit 1911 die Neugeborenen-Station der Wiener I. Universitäts-Frauenklinik, der Klinik von Friedrich Schauta.
Reuss, Assistent von Theodor Escherich (1885-1911), verfasste den Band „Die Krankheiten des Neugeborenen“ [In: Enzyklopädie der klinischen Medizin, Verlag von Julius Springer, Berlin, 1914].
An zwei, aus heutiger Sicht im akademischen Leben nachgeradezu noch nie dagewesene Ereignisse aus dem Werdegang August v. Reuss sei erinnert: 1934 die Aufgabe seines Ordinariates in Graz, um die seit 1915 von Leopold Moll (1877-1933) geleitete Reichsanstalt für „Mutterschutz und Säuglingsfürsorge“ in Wien - Glanzing zu übernehmen, und 1949 die Berufung des bereits im 70. Lebensjahr Stehenden auf die Lehrkanzel seines Lehrers Escherich an die Wiener Universitätskinderklinik. Dass Reuss, der große und bescheidene Gelehrte, mit den Turnus- und Gastärzten bei deren Dienstantritt an der Klinik ein Gespräch führte, ist gleichfalls eine Besonderheit, die nur versteht, wer die Gepflogenheiten an den Wiener Kliniken der 50er und 60er Jahre miterlebt hat. Im angelsächsischen medikohistorisch-fachspezifischen Schrifttum wird August v. Reuss als „first neonatal paediatrician“ apostrophiert, wenngleich Charles Michel Billard (1800-1832) 1820 bereits eine Pionier- bzw. Vorreiterrolle in der Neonatalmedizin eingeräumt wurde [O`Dowd, M.J. and Philipp, E.E.: The History of Obstetrics and Gynaecology, The Parthenon Publishing Group, New York Londen, 1994, 28; Dunn, P.M.: Charles Michel Billard 1800-1832; pioneer of neonatal medicine. Perinatal lessons from the past. Arch.Dis.Child 65 (1990) 711-712].
In Göttingen hatte knapp vor Erscheinen des Buches von Reuss der Professor ordinarius der Geburtshilfe und Gynäkologie, Max Runge (1849-1909), seine Monographie „Die Krankheiten der ersten Lebenstage“ herausgebracht [Verlag von Ferdinand Encke, Stuttgart (1885), in 3. Auflage 1906].
Daran sei zum Beweis dafür erinnert, dass auch Geburtshelfer immer schon „ein Herz für Kinder“ hatten, wie es Thalhammer bei entsprechenden Gelegenheiten gerne ausdrückte. Ehe auf ihn als einem der Gründer der Gesellschaft näher eingegangen wird, muss sich diese zuvor noch jenes Mannes besinnen, auf den die Bezeichnung Perinatologie zurückgeht, nämlich auf Meinhard Pfaundler von Hadermur (1872-1947), wie Reuss, Assistent Theodor Escherichs, Vorstand der Grazer Kinderklinik ab 1902 und ab 1906 der aus dem Dr. v. Hauner’schen Kinderspital hervorgegangenen Münchner Universitätskinderklinik (August v. Hauner, 1811-1884) [Schleef, G.: Die Biographie des Meinhard v. Pfaundler, Inaugural-Disssertation an der Ludwig Maximilians-Universität München, 1976].

Otto Thalhammer (*1922, prom. und Eintritt in die Universitätskinderklinik 1947, habil. 1957, a.o.Professor 1964) wurde 1972 a.o.Professor nach § 10a und Leiter der Abteilung für Neonatologie und angeborene Störungen, die 1971 als Department für Neonatologie von Hugo Husslein, Eduard Gitsch (*1920) und Hans Asperger (1906-1980) beantragt worden war; das frühkindliche Autismussyndrom ist mit dem Namen des letzteren verbunden. Aus dem umfangreichen Schaffen dieses Mitbegründers der Gesellschaft seien nur zwei Schwerpunkte hervorgehoben: das 1949 mit Unterstützung von Arnold Pillat (1892-1975), Professor ordinarius für Augenheilkunde und Vorstand der II. Universitäts-Augenklinik, errichtete Forschungszentrum für Toxoplasmose und das 1966 aufgebaute „Österreichische Programm zur Früherfassung angeborener Stoffwechselanomalien“ [Thalhammer, O.: Lebenslauf, Handschriftensammlung des Institutes für Geschichte der Medizin an der Universität Wien]. In seinem bedeutendsten Werk, der 1967 erschienenen Monographie über pränatale Erkrankungen, wurden alle bis dahin bekannten vorgeburtlich ablaufenden „pathologischen Prozesse und Zustände“ umfassend dargestellt [Thalhammer, 0.: Praenatale Erkrankungen des Menschen, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1967]. Thalhammer wurde 1976 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

Kurt Baumgarten (*1926, prom. 1953, habil. 1967, tit.a.o.Prof. 1972) wurde 1976 Leiter des Departments für Perinatologie an der Universität Wien - des ersten seiner Art in Europa - und im Jahr darauf, 1977, Vorstand der gynäkologisch-geburtshilflichen und perinatologischen Abteilung am Wilhelminenspital der Stadt Wien. Baumgarten war 1964 gemeinsam mit dem zeitgleich zum Professor ordinarius bestellten Hugo Husslein von der Semmelweis-Frauenklinik an die II. Wiener Universitäts-Frauenklinik gekommen. Sein Engagement für das Österreichische Rote Kreuz als Direktor der Blutspendezentrale 1977 und später als Vorsitzender des Blutbankdirektoriums 1991 kann im Konnex mit einem der Schwerpunkte seines wissenschaftlichen Gesamtwerkes gesehen werden: der Therapie und der Prophylaxe der Rhesusinkompatibilität. Weitere Anliegen Baumgartens waren die Hemmung vorzeitiger Wehen - von ihm stammt ein darauf bezugnehmender Tokolyseindex - und die apparative Geburtsüberwachung. Namentlich letztere führte folgerichtig zur Installierung des ersten Intensivkreißsaales an der II. Wiener Universitäts-Frauenklinik. Baumgartens Auslandsstipendien in den USA bei Charles Henning Hendricks (Lebensdaten nicht auffindbar) an der Cleveland-University und in Südamerika bei dessen Lehrer, dem oben bereits erwähnten Caldeyro-Barcia, am Servicio Latinoamericano de Perinatologia in Montevideo bildeten die Grundlage seiner nach der Rückkehr verfassten Habilitationsschrift [Baumgarten, K.: Die Beeinflussung der Uterusmotilität, Verlag Brüder Holinek, 1967].
Hendricks und Mitarbeiter hatten sich 1962 bereits mit den intrauterinen Druckverhältnissen während des Geburtsverlaufes [Hendricks, C.H., Eskes, T.K.A.B. and Saameli, K.: Uterine contractility at delivery and in the puerperium, Am.J.Obstet.Gynecol. 83 (1962) 890] und 1961 schon mit der Therapie des „Wehensturmes“ auseinandergesetzt [Hendricks, C.H., Cibils, L.A., Pose, S.V. and Eskes T.K.A.B.: The pharmacologic control of excessive uterine activity with isoxsuprine. Am.J.Obstet.Gynecol. 82 (1961) 1064].
Der 1974 von Dr. Ingrid Leodolter (1919-1988) - zwischen 1972 und 1978 Ministerin für Gesundheit und Umwelt - eingeführte Mutter-Kind-Pass wurde von je einem namhaften Vertreter der Geburtshilfe und der Kinderheilkunde bearbeitet und zwar von Kurt Baumgarten aus perinatologischer Sicht, von Andreas Rett (1924-1997) aus neonatologischer Sicht. Das Syndrom einer X-chromosomal-dominanten Erbkrankheit mit dem charakteristischen Symptom der waschenden und knetenden Bewegung der Hände ist mit Retts Namen verbunden. Rett, der als Neuropädiater in Wien Direktor des Neurologischen Krankenhauses Rosenhügel war, konnte die 1999 erfolgte Aufdeckung der für sein Syndrom verantwortlichen Genmutation leider nicht mehr erleben [Amir, R.E., I.B. Van den Veyver, C.Q.Wan M, Tran, U. Franck, H.Y. Zoghbi: Rett syndrome is caused by mutations in X-linked MECP2, encoding methyl-CpG-binding protein 2. Nat Genet. 1999 Oct; 23 (2): 185-8].
Aufgenommen in den Mutter-Kind-Pass wurde zudem Otto Thalhammers 1957 herausgegebener Vorschlag zur Verhütung angeborener Toxoplasmose.

Otto Mayrhofer-Krammel (*1920, prom. 1944, habil. 1955, a.o.Prof. 1961, o.Prof. 1967, Vorstand der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin 1978, emer. 1991) gründete 1951 die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, deren erster Präsident er war. Von 1972 bis 1976 stand er zudem als Präsident der World Federation of Societies of Anaesthesiologists vor, die er 1955 mitbegründet hatte. Aus seinen über 200 Publikationen sei nur die Monographie über intratracheale Narkose angeführt [Mayrhofer-Krammel, O.:Intratracheale Narkose, Verlag Wilhelm Maudrich, Wien 1949].
Von den beiden Auslandsstipendien konnte Mayrhofer-Krammel das ein einhalb Jahre währende, am Columbia Presbyterian Medical Center, NYC, bei Virginia Apgar (siehe oben) mit dem Diplom zum Fellow American College of Anaesthesiology abschließen.
Seit 1976 ist Mayrhofer-Krammel wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und seit 1986 der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.
Schon ein Jahr nach der Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Perinatale Medizin beauftragte Mayrhofer-Krammel in seiner Eigenschaft als deren Gründungsmitglied seinen Assistenten Julius Neumark (*1940) mit der Verbesserung und Standardisierung der Anästhesiemethoden an den beiden Wiener Universitäts-Frauenkliniken. Mit einer Monographie über die insbesondere auch in der Geburtshilfe bedeutsame kontinuierliche lumbale Epiduralanästhesie konnte sich Neumark 1980 habilitieren [Neumark, J.: Die kontinuierliche lumbale Epiduralanästhesie, 126, Anästhesiologie und Intensivmedizin. Hrsg. H. Bergmann, J.B.Brückner, R.Frey, M.Gemperle, W.F.Henschel, O.Mayrhofer, K.Peter.,Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York, 1980].
In den Jahren 1984-1986 war er Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Perinatale Medizin.

In anschließender Tabelle (Tab.: 1) sind die für eine Funktionsperiode von jeweils 2 Jahren gewählten Vorsitzenden der Österreichischen Gesellschaft für Prä- und Perinatologie angeführt.

1973 Kurt Baumgarten 1990 Heide Eiblmayr
1975 Otto Thalhammer 1992 Kurt Baumgarten
1977 Otto Mayrhofer-Krammel 1994 Arnold Pollak
1980 Günther Reiffenstuhl 1996 Walther Gruber
1982 Alfred Rosenkranz 1998 Hellfried Rosegger
1984 Julius Neumark 2000 Max Gosch
1986 Heribert Fröhlich 2002 Walther Gruber
1988 Klaus Rosanelli

Tab.: 1) Die Vorsitzenden der Österreichischen Gesellschaft für Perinatale Medizin in den Jahren 1973 bis 2003

Themenschwerpunkte der wissenschaftlichen Sitzungen:

In den nachfolgenden Tabellen wird versucht, die in den wissenschaftlichen Sitzungen der Gesellschaft abgehandelten Schwerpunktthemen den drei Dekaden ihres Bestehens zuzuordnen (Tab.: 2, 3, 4). Hervorgehoben sei, dass die rund 40-jährige Geschichte der Erforschung der Erythroblastosis fetalis während der ersten Dekade des Bestehens der Österreichischen Perinatalmedizinischen Gesellschaft endete.
Von den zwei grundsätzlichen Möglichkeiten einer Auflistung der zahlreichen abgehandelten Themen nach Sachgebieten oder nach der Chronologie, wurde letztere, dem medikohistorischen Charakter des Referates entsprechend, gewählt. Die Vortragenden waren allesamt um die Umsetzbarkeit der Inhalte ihrer Präsentationen für den praktisch tätigen Geburtshelfer bzw. um das Hinüberbringen in die Kreißsaalroutine sehr bemüht.

  • Apparative versus klassische Geburtsüberwachung
  • Fetoplazentare Einheit (Diczfalusy*) und Plazentainsuffizienz
  • Humanes Plazentalactogen (HPL) und Östriol (Oe3)
  • Pränatale Lungenreifediagnostik (Wilhelmy-Waage und
    Lecithin/Sphingomyelin-Ratio)
  • Morbus haemolyticus fetalis et/sive neonatorum **
  • Prostaglandine zur Abortinduktion
  • Alphafetoprotein im Fruchtwasser (fetale Dysraphiesyndrome)
  • Intrapartale (Mikro-)Blutgasanalyse
  • !!Obligatorische Toxoplasmoseüberwachung Schwangerer!!
    ab 1975 in Österreich
  • Zervixverschlussoperationen (Shirodkar, McDonald***)
  • Epiduralanästhesie, schmerzfreie Geburt
  • Normoglykämische Einstellung diabetischer Schwangerer
  • Psychotherapie
  • Ultraschalldiagnostik
  • Frühgeburtlichkeit
  • Perinatale Mortalität und Morbidität ****
  • Tiermodell (das chronisch monitierte schwangere Schaf)

Tab.: 2) Die ersten 10 Jahre - Schwerpunkte der wissenschaftlichen Sitzungen

[* Diczfalusy, E.: Endocrinological functions of the human foetoplacental unit. Fed.Proc.23 (1964), 791
** K. Landsteiner und A.S.Wiener 1940 bzw. P. Levine and R.E. Stetson 1939
*** Shirodkar, V.N.: Antiseptic 52 (1955), 299, McDonald, J.A.: Suture of the cervix for inevitable miscarriage, J.Obstet.Gynaecol.Br. Emp. 64, 1957, 346
**** Beck, A., H.Coradello, F.Sator, W.Dorda: Wiener Perinatalstudie 1978: Probleme der perinatalen Medizin 9, Verlag Wilhelm Maudrich, Wien München Bern, 1978]

  • Pränataldiagnose angeborener Fehlbildungen
  • Zwillingsschwangerschaft, - fetofetales Transfusionssyndrom
  • ß-hämolysierende Streptokokken - Sepsis Neugeborener
  • Listeriose (Epidemie 1986)
  • HIV-Infektion - Management in Schwangerschaft und Geburt
  • Hepatitis B
  • Perinatalperiode nach Tschernobyl 1986
  • Alkohol-Embryo-Fetopathie
  • CTG: kontinuierliche versus diskontinuierliche Überwachung sub partu
  • Spätmorbidität
  • fetale Echokardiographie
  • Hypertension in der Schwangerschaft
  • Vaginalentbindende Operationen u. Sectio caesarea -
    Anästhesieverfahren
  • Forderung nach Spezialfächern: „geburtshilfliche Anästhesie“,
    „Pädopathologie“
  • Schwangerschaft-Datenbank
  • Geburtshilfe-EDV-Dokumentation
  • Qualitätssicherung geburtshilflichen Handelns
  • Optimierung der Insulintherapie schwangerer Diabetikerinnen
  • sehr kleine Frühgeborene
  • Surfactantsubstitution
  • Zervixbakteriologie
  • vor- versus nachgeburtlicher Transport von Kindern

Tab.: 3) Die zweite Dekade - Schwerpunkte der wissenschaftlichen Sitzungen

  • Frühe Frühgeburten - How small is too small?
  • Fibronectin - Geburtstermin
  • Transabdominale Plazentapunktion
  • Polymerase Kettenreaktion - Toxoplasma-Nachweis im Fruchtwasser
  • Fetale Tachyarrhythmien - intrauterine Therapie
  • Nuchal translucency - Chromosomenaberrationen
  • Holt-Oram Syndrom* - von der Thalidomid-Embryopathie, 1959-1962,
    Wiedemann-Dysmeliesyndrom**, phänokopiert
    sog. „Conterganbabies“
  • Infektiologie: Chlamydien, Zytomegalie, Lues connata
    (syphilit.Fetopathie)
    Rubeolenfetopathie
  • Endothelin - das Endothel als endokrines Organ
  • „Wassergeburt“
  • Beckenendlage - äußere Wendung
  • Postpartale Depression - Cholesterinabfall
  • Patientenwille - „Wunschsectio“, „Wunschepidurale“
  • Golfballphänomen - chromosomale Aberrationen
  • 3D- und 4D-Ultraschall
  • Magnetresonanz-Tomographie - pränatale Fehlbildungsdiagnostik
  • Interventionelle pränatale Therapie: fetoskopische Laserablation bei
    fetofetalem Transfusionssyndrom,
    intrauterine Valvotomie
  • Hypoplastisches Linksherzsyndrom
  • Ris(i)ken invasiver pränataler Diagnostik
  • Extracorporale Membranoxygenierung (ECMO)
  • Ethik - Pränataldiagnostik
  • Forensische Geburtshilfe
  • Perinatale mütterliche intensivpflichtige Morbidität

Tab.: 4) Die dritte Dekade - Schwerpunkte der wissenschaftlichen Sitzungen

[* Holt, M. und S.Oram: Familiar heart disease with skeletal malformations, Brit.Heart.J. 22 (1960) 236-242
** Wiedemann, H.R.: Zur Frage der derzeitigen Häufung von Gliedmaßenfehlbildungen, Med. Wschr. 15 (1961) 15, Lenz, W.: Das Thalidomidsyndrom, Fortschr.Med. 81 (1963) 148]

Die Gesellschaft in Zahlen:

Die bloße Quantifizierung der Vermittlung perinatologischen Wissens kann in den abgelaufenen 30 Jahren auf 105 wissenschaftliche Sitzungen mit 1.111 Vorträgen von insgesamt 2.780 Autoren(schaften) hinweisen.
Die Mitgliederzahl stieg seit der Gründung der Gesellschaft von 69 auf 372 (Stand: 3. März 2002).
Mit unter den Ersten, die eine Umfrage-Aussendung mit dem Wortlaut: „Ich begrüße die Gründung einer Österreichischen Gesellschaft für perinatale Medizin“ bejahend retournierten, war übrigens auch Gustav Döderlein (1893-1980), der gemeinsam mit Horst Schwalm (1904-1977) das Handbuch „Klinik der Frauenheilkunde und Geburtshilfe“ begründete [Döderlein G. und H. Schwalm (hrsg.); Urban & Schwarzenberg, München - Wien- Baltimore, 1972]

Aus der Chronik der Gesellschaft:

1972
Schon im Jahr vor der offiziellen Gründung begann die in zwangloser Folge publizierte Reihe „Probleme der perinatalen Medizin“, herausgegeben von W. Auerswald, K. Baumgarten und O. Thalhammer, das spätere Publikationsorgan der Gesellschaft.
Wilhelm Auerswald (1917-1981) war Vorstand des Institutes für Medizinische Physiologie, er starb am 19. Oktober 1981 als regierender Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.

1973
Bildung von 3 Arbeitskreisen, je einer für Organisation und Ausbildung in praktischer Reanimation des Neugeborenen, zur Verhandlung mit dem Sozial-versicherungsträger bezüglich der Sonderhonorierung von Spezialuntersuchungen in der Schwangerschaft und während der Geburt und über Mindestforderung für apparative Ausstattung geburtshilflicher Abteilungen und neonatologischer Stationen.
An der II. Universitäts-Frauenklinik in Wien wurden erstmals Kurse für Perinatale Medizin abgehalten; bis November 1974 erfolgten bereits 7 derartige Veranstaltungen.

1974
Zu den erwähnten drei Arbeitskreisen kam ein 4. und zwar für Schwangerenberatung und -betreuung mit besonderer Berücksichtigung genetischer Erkrankungen hinzu.
Eine Wiener Arbeitsgruppe, die im Auftrag von Gesundheitsstadtrat Univ.Prof. Dr. Alois Stacher ein „Konzept für die Perinatologie“ zu erarbeiten hatte, wurde in 2 Untergruppen unterteilt und zwar je eine aus Vertretern der Neonatologie und Anästhesie sowie eine aus Gynäkologie und Anästhesie.
Erstmalig wurde auf Initiative von Kurt Baumgarten ein Fortbildungskurs für Hebammen und Krankenschwestern „betreffend perinatale Fragen“ eingerichtet.
Als Vertreter des Bundesministeriums für Gesundheit und Umweltschutz wurde Sektionschef Obermedizinalrat Dr. Albert Krassnigg (1920-2001), Facharzt für Dermatologie und Venerologie, in den Vorstand der Gesellschaft kooptiert.

1976
Kurse für Perinatale Medizin wurden erstmals durch sog. „fliegende Ausbildungsteams“ und zwar mit Erlass des Bundesministeriums für Gesundheit und Umweltschutz aus März 1976 für periphere geburtshilfliche Abteilungen abgehalten. Auch diese wurden wie schon die oben erwähnten Fortbildungskurse von Kurt Baumgarten ins Leben gerufen.

1977
Arbeitstagung über apparative Beatmung Neugeborener gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Kinderheilkunde und dem Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz im Hörsaal der Schule für den medizinisch-technischen Laboratoriumsdienst des Allgemeinen Krankenhauses Wien.

1983
Internationales Symposium über „Perinatale Mortalität und Morbidität“ in Wien.
Professor Dr. Otto Thalhammer, Gründungsmitglied der Gesellschaft, schied aus Altersgründen aus dem Vorstand aus.
1989 III Congress of Perinatal Medicine Alpe Adria gemeinsam mit der wissenschaftlichen Sitzung der Austrian Society of Perinatal Medicine in Graz

1994
Am 17. November d.J. starb Universitätsprofessor Dr. Otto Thalhammer, Gründungsmitglied der Österreichischen Gesellschaft und Doyen der Österreichischen Neonatologie [Pollak, L.: Nachruf Univ.Prof. Dr. Otto Thalhammer anläßlich der Fakultätssitzung am 14.12.1994,Typoskript o.J.]. Der erstmals 1990 ausgeschriebene sog. „Perinatologie-Preis“ trug fortan seinen Namen; als „Otto Thalhammer-Preis“ wird er alljährlich an Autoren herausragender Referate mit perinatologischem Bezug verliehen.
4 Jahrzehnte vor seinem Tod - Otto Thalhammer wurde 72 Jahre alt - arbeitete er an seiner ersten Monographie, die 1957 erschien und der Toxoplasmose gewidmet ist [Thalhammer, O.: Toxoplasmose bei Mensch und Tier, Verlag Wilhelm Maudrich, Wien Bonn, 1957].

1995
Die Gesellschaft änderte bzw. ergänzte ihre ursprüngliche Bezeichnung in „Österreichische Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin“.
Am 18. Juni 1995 starb der Vorsitzende der Gesellschaft der Jahre 1986-1987, Heribert Fröhlich (*1932, prom. Universität Graz 1956, habil. 1974, a.o.Prof. 1979, Primararzt der Landesfrauenklinik Linz 1981 [Fröhlich-Dolinar Hannelore: persönliche Mitteilung 2003].
Aufrichtige Freundschaft verband Kurt Baumgarten mit Fröhlich, seinem treuen Mitarbeiter seit den Anfängen des fetal monitoring sowie der Diagnose und Therapie der Erythroblastosis fetalis an der II. Wiener Frauenklinik unter Hugo Husslein.

1998
Gemeinsame Tagung der „Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie“ und Geburtshilfe (Jahrestagung und Fortbildungstagung) und der „Österreichischen Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin“ (wissenschaftliche Tagung) in Bad Gastein.
Die langjährige Sekretärin der Gesellschaft, Frau Johanna Leyer, ging in Pension; ihre Nachfolge trat Frau Michaela Jony an.

2000
Gemeinsame Tagung der „Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe“ und der „Österreichischen Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin“ in Meran.
Internationaler Dialog in Kärnten: Geburtshelfer, Hebammen, Anästhesisten und Neonatologen im Gespräch; Festvorträge von Clarissa Schwarz, Osnabrück, und Julius Neumark, Wien.

2001
Gemeinsame Jahrestagung der „Bayerischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ und der „Österreichischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie“ und der „Österreichischen Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin“.

2002
Erweiterte Vorstandssitzung der Gesellschaft zum Problem „Später Schwangerschaftsabbruch - Früheuthanasie“
II. Internationaler Dialog Geburtshelfer, Hebammen, Anästhesisten und Neonatologen im Gespräch in Ravensburg.

2003
Im Vortragssaal des Billroth-Hauses in Wien beging die Österreichische Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin das 30 Jahr-Jubiläum ihres Bestehens seit der Gründung am 8. Mai 1973.

Epilog:

Am Ende des Versuches angelangt, dem „sausenden, brausenden Rad der Zeit“ - wie es Richard Wagner im zweiten seiner Wesendoncklieder nennt - in die Speichen zu greifen, kann den Worten des US-Schriftstellers William Faulkner eigentlich nur zugestimmt werden: „Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen.“

 

 

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